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Vorwort oder: Schaut auf diese Stadt!

Daniela von Treuenfels

"Schulbauten sind immer auch ein Spiegel der herrschenden Vorstellungen vom Lernen in der jeweiligen Zeit", sagt der Erziehungswissenschaftler und Bildungsforscher Jörg Ramseger von der Freien Universität. Er ist einer von 70 Expertinnen, die für 30 Schulen, die die wachsende Stadt Berlin in den nächsten Jahren bauen muss, neue Leitlinien entworfen haben. Was die bunt gemischte Runde erarbeitet hat, ist eine Art Neuerfindung des Schulbaus - auf der Basis pädagogischer Konzepte:

  • Statt der "Flurschulen des 19. und 20. Jahrhunderts" sollen
  • Lern- und Teamhäuser entstehen, die
  • als integrale Bestandteile in lokale Bildungsverbünde zu verstehen und zu konzipieren sind.

Als "pädagogische Eckpfeiler" werden definiert: Vielfalt und Individualität, Ganztag, Inklusion, Partizipation, Kooperation der Pädagoginnen, digitales Lernen. Alles soll in "Compartments" angeordnet werden mit verschiedenen Räumen für unterschiedliche Nutzungen jeweils für drei Lerngruppen, in dessen Mitte das pädagogische Herz angesiedelt ist. Dazu kommen: Multifunktionsfläche, Aula, Mensa, Bibliothek, Fachräume, Sport, Werkstätten, Therapie, Verwaltung... Das alles braucht Platz, etwa ein Viertel mehr als das bisherige Raumprogramm der Bildungsverwaltung vorsieht.

Vor drei Tagen stellte Senatorin Sandra Scheeres der Öffentlichkeit einen Paradigmenwechsel vor mit dem Titel: "Berlin baut Bildung - Die Empfehlungen der Facharbeitsgruppe Schulraumqualität" .

Dass dieser Prozess überhaupt begonnen wurde, ist den Berliner Eltern, Schülerinnen und Lehrkräften zu verdanken. Über mehrere Jahre haben sie immer wieder auf den enormen Sanierungsstau und auch auf die Notwendigkeit von Neubauten hingewiesen. Mitglieder des Landeselternausschusses reisten nach Hamburg und brachten die Idee der Schulbaugesellschaft, Beteiligung und Transparenz nach Berlin. Aus München holten sie den Münchener Stadtschulrat Rainer Schweppe, der in einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung vom Münchner Lernhauskonzept berichtete.

Für die Diskussion um marode Schulen in ganz Deutschland ist dies von Bedeutung: Der Weg aus der Misere ist immer nahezu der gleiche. Hamburg, München, Jena: Städte und Kommunen, die erfolgreich gearbeitet haben, machten Folgendes: Sie erhoben den genauen Bedarf und änderten Abläufe und Strukturen. Während München den Schwerpunkt eher auf Modulbauten setzt, legt Hamburg Wert auf Beteiligung. In der "Planungsphase Null" haben die Nutzerinnen Mitspracherechte und können so den (Um-)Bau mit gestalten.

Die Stiftung Bildung will mit ihrer Plattform  diese Impulse in alle Regionen tragen. "Schulbau hat immer pädagogische Wirkungen", sagt Jörg Ramseger. Diesem Leitsatz folgend wünschen wir uns:

  • dass alle Bundesländer den Zustand ihrer Schulgebäude erheben und so zu
  • Transparenz im Land beitragen sowie
  • durch Beteiligung der Nutzerinnen und Betroffenen Mitgestaltung ermöglichen.

Bisher, das zeigen Antworten auf parlamentarische Anfragen, können die Landesregierungen darüber keine Auskunft geben. Die Kultusministerien, zuständig für Personal und Unterricht, haben keine Ahnung vom Zustand der Räume, in denen das Lernen stattfindet.

In Kooperation mit der Open Knowledge Foundation entwickeln wir eine digitale Landkarte der maroden Schulen. Es ist der Versuch, Transparenz herzustellen. Wo ist die Not am größten? Gibt es Schwerpunktregionen? Erst wenn Daten auf dem Tisch sind, können wir auf deren Grundlage über Lösungen diskutieren. Diese Daten müssen für jede  interessierte Person über die Webseiten der jeweiligen Landesregierung zugänglich gemacht werden. Hierbei werden wir Unterstützung brauchen - mehr dazu in Kürze.

Von Berlin lernen heißt auch: Sparen ist teuer. Was Bundesfinanzminister Schäuble als "schwarze Null" verkauft, ist in Wahrheit ein riesiger Schuldenberg, der nicht nur in Schulen, sondern auch auf den Straßen sichtbar wird, in Krankenhäusern, Hochschulen und öffentlichen Gebäuden. An Nullzins ist nicht zu denken - die Schäden wachsen und der Schuldenberg damit auch. Die Politik muss sich ehrlich machen und umdenken: Investitionen in die öffentliche Infrastruktur und in Bildung machen das Land zukunftsfähig.

Wir wünschen uns außerdem die Einsicht, dass wir es angesichts des Zustandes der Schulgebäude in Teilen mit einem Notstand zu tun haben, dem nicht schnell abzuhelfen ist. Berlin hat, wie viele andere Kommunen auch, im Zuge von Sparmaßnahmen Personal abgebaut. Jetzt fehlen Menschen, die in den Ämtern planen und koordinieren. Freie Stellen sind zudem nur schwer zu besetzen, da die öffentliche Hand im Gegensatz zur freien Wirtschaft keine konkurrenzfähigen Gehälter bezahlt. Hier ist zu prüfen, wie möglichst viele Planungs- und Bauleitungsaufgaben extern vergeben werden können.

Strukturänderungen sind notwendig, aber zeitraubend. Kompetenzen und Verantwortlichkeiten werden neu verteilt. Machtfragen stellen sich, persönliche Eitelkeiten spielen eine Rolle. Wir sind überzeugt davon, dass es den Schulen hilft, wenn pädagogische Fragen und Schul(um)bau zusammen gedacht werden. Die Verantwortung dafür muss in einer Hand sein - beim Kultusministerium. Die notwendigen Organisationsentwicklungsprozesse innerhalb der Länder und Kommunen könnten durch externe Beratung begleitet werden. Das erleichtert die Konzentration auf Sachfragen.

Eine Studie der KfW weist auf den zunehmenden Abstand von armen und reichen Kommunen hin und damit auf eine größer werdende Ungerechtigkeit. Ob ein Kind eine gute Bildung erhält in einem gut ausgestatteten, gepflegten und ansprechenden Gebäude ist eine Frage der Herkunft: Wo du geboren bist, entscheidet über deinen Bildungserfolg - das ist nicht hinnehmbar. Hier sehen wir den Bund in der Pflicht. Schulen in finanzschwachen Kommunen müssen aus Bundesmitteln unterstützt werden. Auf den geforderten Eigenanteil ist zu verzichten.

Kontraproduktiv ist dabei die Verteilung nach dem Königsteiner Schlüssel. In jedem Bundesland gibt es Kommunen, die nicht mehr in der Lage sind, den Erhalt ihrer Infrastruktur zu finanzieren. Der Anteil dieser prekären Städte und Gemeinden innerhalb eines Landes ist dabei unterschiedlich. Nach unserer Vorstellung sollen nicht die Kommunen, sondern die Schulen Anträge auf Förderung durch den Bund stellen. Teil der Unterstützung sollte eine koordinierende Stelle sein, die pädagogische, bauliche und sozialräumliche Fragen zusammenführt. Dieser Prozess der schulischen Entwicklung sollte über 10 Jahre gesichert werden.

Soweit erst mal aus der Abteilung Wünschdirwas. Zurück nach Berlin.

Wir erleben den Umbruch, eine Operation am offenen Herzen. Auf der einen Seite die Vision der Lernhäuser, auf der anderen Seite Schulschließung wegen maroder Toiletten. Der Finanzsenator hat in der vergangenen Woche die Idee einer Schulbaugesellschaft eingebracht. Ein radikaler Vorschlag (den wir für richtig halten), der den Bezirken die Verantwortung für die Schulgebäude nehmen würde - die Machtfrage stellt sich, hinter den Kulissen wird hart debattiert.
Mit ihrer Idee für die Schule der Zukunft hat die Senatorin ein bemerkenswertes Eingeständnis gemacht: Berliner Schulen sind zu klein. Natürlich brauchen Ganztag, Inklusion und Individualisierung mehr Raum. Das gilt nicht nur für die 30 neuen Schulen, sondern auch für die rund 800 Bestandsschulen. Eltern und Lehrerinnen machen seit Jahren erfolglos darauf aufmerksam. Das Thema wird nun neuen Schwung bekommen.
"Die Pädagogik des 19. Jahrhunderts steht unter Denkmalschutz", sagt Jörg Ramseger mit Blick auf die altehrwürdigen Berliner Schulbauten, die ihren 100. Jahrestag lange hinter sich haben. "Das Land Berlin hat leider keinen Anlass, sie abzureißen". In der Debatte um die Rettung der maroden Gemäuer wird es auch darum gehen müssen, wie sie zu erweitern und  so umzugestalten sind, dass individualisiertes Lernen möglich wird.
Transparenz ist noch kein Thema. Die Daten aus den Erhebungen aus dem Gebäudescan bleiben unter Verschluss. Morgen wird das Berliner Andreas-Gymnasium den Startschuss für 222 Tage Lärm geben. In der Schule sind die Ergebnisse der Begehung im Rahmen der Ermittlung des Sanierungsbedarfes der Berliner Schulen nicht bekannt. Auf der bezirksinternen Prioritätenliste stehe man auf Platz 3. Welche Kriterien hier zugrunde gelegt wurden, bleibt ein Geheimnis.

Wo andere Länder, Städte und Gemeinden stehen, werden wir in den nächsten Wochen und Monaten sehen. Wir sind sehr gespannt auf die Geschichten aus den Schulen und der Schülerinnen selbst, Ideen der Expertinnen und Meinungen aus der Politik. Wir hoffen, bis zur Bundestagswahl gemeinsam mit Ihnen die Dringlichkeit des Anliegens deutlich zu machen. Die nächste Bundesregierung sollte eine Vorstellung davon bekommen, was als erstes, zweites, drittes... zu tun ist.

Wir wünschen allen Leserinnen viel Freude beim Gewinnen der gewonnenen Erkenntnisse.

Daniela von Treuenfels,
Vorständin der Stiftung Bildung

 

 

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