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Valentin meets Andreas – Liebesschwur der Schulverwaltung

Die erste Seite unseres 222seitigen Buches zum Thema marode Schulen in Deutschland schreibt Elternvertreter Johannes Schwarz, der mit zweitem Vornamen Valentin heißt. Seit Jahren setzt sich der Vater einer Tochter für die Sanierung seiner Schule ein - mittlerweile sicher wissend, dass andere Kinder und Lehrkräfte die Früchte seines Engagements ernten werden.

Das Andreas-Gymnasium in Berlin-Friedrichshain beteiligte sich schon an den "Adventskalender"-Aktionen des Bezirkselternausschusses Steglitz-Zehlendorf, um auf den großen Sanierungsbedarf des Gebäudes aufmerksam zu machen. Die größte Sorge ist der nasse Keller, in dem Schimmelpilze blühen, von denen sehr wahrscheinlich erhebliche Gesundheitsrisiken ausgehen.

Zum Heiligen Andreas, nach dem die "Quelle" im Keller benannt ist, gesellen sich heute die Valentins: jener von Rom und jener von Terni. "Sag's durch die Blume, spende Trost, hilf und heile, wo immer Du es kannst!" lässt Vater Johannes seine Heiligen sagen. Die Hoffnung, mittlerweile ist sie da.

Auch am Andreas-Gymnasium in Berlin-Friedrichshain soll dank „Stadtumbau Ost“ bald alles blühen und wachsen. Versprochen.

Johannes Valentin Schwarz in der Andreas-Quelle. Mit Blumen zum Valentinstag.

Valentinstag. Wer denkt da nicht an Blumen, rote Herzen oder andere Liebesbezeugungen? Dass der 14. Februar, sehr zur Freude der Floristik- und Süßwarenbranche, als „Tag der Liebenden“ begangen wird, ist tatsächlich noch gar nicht so lange her: Erst die im Nachkriegsdeutschland stationierten US-Soldaten machten den „Valentine's Day“ auch hierzulande populär. Im angelsächsischen Raum hingegen lassen sich Valentinsbräuche bis weit ins Mittelalter zurückverfolgen. Dabei spielte die beginnende Paarungszeit der Wildvögel eine Rolle, denn gleich ihnen könnten auch wir Menschen uns am Valentinstag als Paar finden und in hoffentlich ewiger Treue verbunden bleiben. Zudem galt und gilt der 14. Februar im Volksglauben als sogenannter „Lostag“, an dem sich unser Geschick – im Guten wie im Bösen – entscheidet.

So ist es vielleicht kein Zufall, dass die Stiftung Bildung just an diesem 14. Februar 2017 ihre neuerliche Aktion „Einstürzende Schulbauten“ startet, um bis zur Bundestagswahl im September – gleich einer vielstimmigen Vogelschar – „222 Tage Lärm“ für gute Schulen zu machen. Ein „Schicksalsjahr“ für die große Politik und für die Zukunft des Lernens in unserem Land.

Auch als Schutzpatron der Aktion scheint der Heilige Valentin bei näherer Betrachtung durchaus passend, wenngleich über die historische Figur Uneinigkeit herrscht, beispielsweise ob es sich um eine oder zwei Personen handelt, deren Geschichten sich im Laufe der Zeit jedoch verbanden:

Als Patron der Liebenden und Verlobten gilt Valentin von Rom, der dort als armer Priester – trotz kaiserlichen Verbots – Liebespaare nach christlichem Ritus getraut haben soll. Hilfe und Trost Suchenden schenkte er Blumen aus seinem Garten. Am 14. Februar 269 wurde er enthauptet.

Ebenso erging es Valentin von Terni, zunächst Bischof in seiner Heimatstadt, dann nach Rom berufen, um auch dort Kinder zu heilen. Da er das heidnische Götteropfer vor dem römischen Kaiser verweigerte, soll er um 268 enthauptet worden sein. Darstellungen zeigen ihn meist mit Schwert und einem kranken Knaben zu seinen Füßen. Entsprechend wurde dieser Valentin u. a. bei Pest, Ohnmacht und Epilepsie angerufen – wie auch als Schutzpatron der Jugend!

Krankheiten heilen, Ohnmacht überwinden, die unbedingte Liebe zur Bildung, zivilen Ungehorsam üben und neue, dauerhafte Bündnisse eingehen, um Jugendliche zu unterstützen und unsere Welt der Schulen schöner und bunter zu machen – all diese mutmachenden Motive aus den wunderlichen Valentinsgeschichten lassen sich auch auf unsere immer noch recht triste Gegenwart übertragen:

Nichts für empfindliche Lungen: Im nassen Keller blühen die Schimmelpilze.

Seit Jahren schon galt (und gilt) unser Andreas-Gymnasium in Berlin-Friedrichshain geradezu als „Vorzeigeschule“ in Sachen Sanierungsstau. Etwas versteckt zwischen Andreas- und Koppenstraße gelegen, ist der einstige „Schulpalast“ von 1906 – eines der zahlreichen, vom Berliner Stadtbaurat Ludwig Hoffmann (1852–1932) projektierten Gebäude – in die Jahre gekommen. Ende April werden es 111.

Die Fenster müssen dringend überholt werden.

Auch wenn sich schon einiges getan hat, die Liste der Mängel und Wünsche ist immer noch lang: Nach einer aufwendigen Sanierung in Etappen ist das große Dach von oben zwar dicht, von unten drückt das Grundwasser im Keller aber immer noch durch. Auch wenn diese unsere „Andreas-Quelle“ derzeit nicht mehr sprudelt, weil gleich nebenan mit viel Lärm ein privates Immobilienprojekt verwirklicht wird und dafür das Grundwasser abgesenkt wurde, gedeihen die Schimmelpilze weiter prächtig.

Gleich nebenan, den Kellerflur runter, platzt unsere gut besuchte Mensa – dank gutem Anbieter – inzwischen aus allen Nähten. Ein Umzug wäre dringend nötig, ein zusätzlicher Mehrzweckbau auf dem vorderen Schulhof soll Abhilfe schaffen – so der hoffnungsvolle Plan. Dort könnte dann auch endlich ein eigener Versammlungs- und Aufenthaltsraum untergebracht werden. Bis dato bleiben nur die halligen Schulflure, in denen es seit Einbau neuer Brandschutztüren immerhin nicht mehr so zieht.

Der Andreas-Hügel. Das einzige Highlight im Schulhof wurde vom Förderverein finanziert.

In den Pausen geht es sowieso raus auf die beiden staubigen Schulhöfe, von denen zumindest der hintere – dem Engagement des Fördervereins sei Dank – in den letzten Jahren etwas schülerfreundlicher gestaltet werden konnte. Dort findet sich auch unser legendärer, inzwischen bepflanzter „Andreas-Hügel“, eigentlich ein liegengebliebener Schutthaufen, von dem aus man – besonders bei Regenwetter – eine atemberaubende Aussicht hatte: auf das umliegende Pfützenensemble, auf die schwarz-graue Fassade mit ihren undichten Fenstern und auf unseren sagenumwobenen „Andreas-Turm“.

Turmzimmer. Die begonnene Sanierung wurde abgebrochen, nachdem klar wurde, dass ein zweiter Fluchtweg gegeben sein muss.

Oberhalb des Treppenhauses gelegen und nur durch eine einzige „Geheimtür“ zu betreten, war dort in lichter Höhe einst unterrichtet worden – und so soll es auch in Zukunft wieder sein. Bei über 800 Schülerinnen und Schülern wird der Platz knapp. Die Turm-Räume sind bereits teilsaniert, die Leitungen für das neue Alarmsystem liegen an, allein der zweite Fluchtweg fehlt – und der müsste über den immer noch schadstoffbelasteten Dachstuhl führen…

Bleiben die Sportanlagen in der nahegelegenen Singerstraße. Nach über zweijähriger Sperrung – und einem administrativen, finanziellen wie personellen Hürdenlauf – konnte der Sportplatz grundsaniert und seit diesem Schuljahr 2016/17 wieder in Betrieb genommen werden. Im Innern der benachbarten Sporthalle wurden Foyer, Umkleide und Duschen gemalert, neue Heizkörper installiert – das Äußere harrt jedoch immer noch der Instandsetzung.

Der gewaltige Dachstuhl - Raum für kreatives Arbeiten?

Während Land und Bezirke derzeit um ein eigenes System ringen, wie denn nun der Sanierungsstau von Jahrzehnten an den Berliner Schulen möglichst schnell und gerecht aufzulösen sei, wächst an unserem Andreas-Gymnasium zumindest die Hoffnung. Zusammen mit dem ganzen Andreas-Kiez soll nun auch unsere Schule mit Mitteln aus dem Bundesprogramm „Stadtumbau Ost“ (Gebiet „Friedrichshain West“) bedacht werden. Derzeit sind ca. 4,2 Mio Euro im Gespräch, doch ob dieser Betrag reichen wird, um allein die grundlegendsten Mängel zu beseitigen, weiß keiner und keine so genau. Vertrauensvolle, konstruktive Gespräche mit Schulamt und Senatsverwaltung gab es schon, Planung und Vergabe sollen noch in diesem Kalenderjahr abgeschlossen werden, ab 2018 wird gebaut. Versprochen.

Ginge es allein nach dem Namenspatron unserer Schule, dem Heiligen Andreas, so bliebe dieser sicherlich skeptisch. Einst Fischer am See Genezareth, dann zum ersten Jünger Jesu berufen, handelte bestimmt auch er nach dem Prinzip Hoffnung, war jedoch zugleich Realist. Wer täglich aufs Wasser hinausfahren und seine Netze auswerfen muss, weiß, dass man dabei nicht immer die dicksten Fische an Land ziehen wird – oder manchmal sogar ganz leer ausgehen kann. Auch den 30. November, den Namenstag unseres „Hausheiligen“, der an unserer Schule stets mit einem besonderen, klassen- und fächerübergreifenden Projekttag begangen wird, würden wohl die meisten eher mit tristem Herbstwetter denn mit strahlendem Sonnenschein in Verbindung bringen. So blickt uns auch der Heilige Andreas auf Abbildungen stets wenig optimistisch, mit wild zerzaustem Haar und sorgenvoll gefalteter Stirn entgegen, in den Händen das „Andreas-Kreuz“ als Zeichen seines Martyriums (die damals übliche Hinrichtungsmethode für alle Nicht-Römer).

Zum Glück gibt es da den heutigen 14. Februar – samt der lebensfrohen, bunten Botschaft eines Valentin von Rom bzw. Terni: Sag's durch die Blume, spende Trost, hilf und heile, wo immer Du es kannst! Mit Skepsis und Zuversicht, Realismus und Vision – auf diesem gemeinschaftlichen Weg geht es hoffentlich auch an unserem Gymnasium in den nächsten Jahren weiter. Andreas meets Valentin. Glaubt man dem Liebesschwur der Schulverwaltung, gehen wir rosigen Zeiten entgegen. So sei es.

Johannes Valentin Schwarz
Gesamtelternvertreter am Andreas-Gymnasium Berlin-Friedrichshain

Ein Gedanke zu „Valentin meets Andreas – Liebesschwur der Schulverwaltung

  1. Tronjeck

    Ich bin entsetzt, wütend und traurig zugleich, von den schlimmen baulichen Zuständen des heutigen Andreas-Gymnasium zu lesen.
    1963 bin ich dort eingeschult worden und habe mein 1. tolles Schuljahr erlebt und das Schulgebäude war in einem
    tadellosen Zustand.
    Jetzt befinden wir uns im Jahr 2017 und Kinder bzw. Jugendliche lernen in dieser
    nassen schimmligen Bausubstanz?? Was mutet man Kindern, Jugendlichen, Lehrern, Eltern u.a. zu?? Weshalb wurden und werden Schulen so abgewirtschaftet bis nichts mehr geht?
    Müssen Eltern eigentlich Kinder in solche schlimmen Schulen täglich gehen lassen, frage ich mich bzw. frage ich die Politiker?
    Kinder sind die Zukunft für unsere Gesamtgesellschaft !!

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